Eine Theaterrezension von Laura Schmidt

03.03.2026

Stanisław Lem "Eine Minute der Menschheit" am DT  

Stell dir vor, die Zeit hält an, genau jetzt, in diesem kaum wahrnehmbaren Augenblick. Überall auf der Welt geschieht Leben gleichzeitig.

Während hier jemand innehält und nachdenkt, rennt anderswo jemand um sein Leben. Ein Kind lacht zum ersten Mal, ein anderes schreit vor Hunger. Eine Frau lacht leise, ein Mann findet nicht den Mut, Lebewohl zu sagen. Hände greifen nach Halt, andere lassen los. In einer Stadt erwacht der Morgen mit den Geräuschen von Verkehr und Hoffnung, in einem Dorf versinkt der Abend in Stille und Müdigkeit.

Jemand schreibt die letzten Worte eines Abschieds, jemand anderes formuliert die ersten Worte eines Versprechens. Träume beginnen, Träume zerbrechen.

Und all das geschieht zugleich, in derselben Minute, die uns gehört und doch niemandem allein.

"Eine Minute der Menschheit" (1983), das ist eine Rezension eines fiktiven Buches von Stanisław Lem, das versucht, festzuhalten, was in einer Minute auf der Welt passiert. Festzuhalten, was alle Menschen dieser Welt in sechzig Sekunden erleben, was sie einander antun und was sie zerstört. Anita Vulesica, Regisseurin sowie Schauspielerin am Deutschen Theater Berlin hat dieses Buch "Eine Minute der Menschheit" erstmals auf die Bühne gebracht. Dabei werden aus den Rezensentinnen und Rezensenten sieben skurrile Figuren mit unterschiedlichen Ansichten und Kompetenzen, die sich auf dem "76. Weltkongress für Zukunde und Temporistik" zur Buchrezension treffen, streiten und diskutieren. Dabei wird deutlich, wie unterschiedlich sie eigentlich über den Roman denken und wie sie mit der Welt klarkommen. Schließlich finden sie doch zu einem gemeinsamen Ergebnis: Menschsein.

Menschsein heißt hier: zweifeln, streiten, hoffen, verzweifeln, aneinandergeraten und trotzdem im Austausch bleiben. Menschsein ist ein gemeinsames Verständnis dafür, dass es keine einheitliche Perspektive oder Meinung geben muss, um sich als Menschen zu begegnen.

Zunächst bleibt die Bühne schwarz. Das Wort "nichts" wird von mehreren Stimmen gesprochen, die klare Aussage lautet: Es gibt nichts. Daraufhin fragt jemand aus dem Bühnenpersonal: "Mich auch nicht?" Das passiert so schnell und ist so eindrucksvoll, begleitet von lautem Gewitter, dass keine Zeit zum wirklichen Nachdenken bleibt. Was ist eigentlich gerade passiert? Der Kongress beginnt nach einer Vorstellungsrunde aller LiteraturkrtikerInnen direkt. Während sich Dr. Dr. Crawley, Dr. Stanley, Dr.

Sharkey, Dr. Wooley, Dr. Aileen Dopamin Roger, Prof. B. J. Manhattan unter Moderation von Go Ho Go Missinger im hitzigen Austausch befinden, sitzt stumm und fast regungslos im Hintergrund das ältere Autorenehepaar Johnson and Johnson vor einem Uhrpendel. Die KritikerInnen-Runde hockt affektiert in alten Campingstühlen, vor ihnen ein qualmender Stehaschenbecher und hinter ihnen eine Lautsprecherattrappe.

Der Bühnenaufbau schafft eine künstliche, abgeschlossene Welt mit Wissenschaftsklischees und nostalgischen Elementen. Trotz der stark übertriebenen Darstellung der karikaturähnlichen Figuren bleiben die überzeichneten KritikerInnen als Charaktere erkennbar und sind nicht völlig eindimensional.

Ihre Komik hilft, sich dem eigentlich komplexen Thema des Stückes anzunähern. Mir stellt sich jedoch immer wieder die Frage, warum die WissenschaftlerInnen als solche Karikaturen auftreten müssen und was an solchen Klischees lustig sein soll. Der Humor ist dauerhaft überdreht, wirkt sehr angestrengt und lässt kaum ruhige Momente zu. Wichtige Gedanken und inhaltliche Impulse gehen im permanenten Klamauk unter und müssen aktiv "herausgehört" werden. Die Inszenierung reproduziert eher bekannte Bilder, ohne sie zu hinterfragen, wodurch der Humor auf mich eher unterhaltend als kritisch wirkt.

Obwohl ständig gesprochen, gescherzt und agiert wird, ziehen sich die zwei Stunden Aufführungsdauer in die Länge. Und ironischerweise widerspricht dieses Zeitdehnen dem eigentlichen Thema des Abends: Zeit, die schnell vergeht und in der so viel gleichzeitig geschieht.

"Eine Minute der Menschheit" überzeugt mich zwar durch die offensichtliche Spielfreude der SchauspielerInnen und dem für mich sehr interessanten Thema, gleichzeitig erschließt sich mir die Inszenierung nicht ganz. Die klischeehafte Figurenzeichnung verhindert die ernsthafte Auseinandersetzung mit den Fragen, die das Stück aufwirft. Was bedeuten die vielen Zahlen aus Dr. Wooleys Statistiken jetzt eigentlich wirklich? Warum benutzen Menschen Zahlen, um die Welt zu ordnen und mit ihr umzugehen? Warum reagieren Menschen auf Überforderung so oft mit Betäubung statt mit Auseinandersetzung, genauso wie Dr. Aileen Dopamin Roger? Und warum wird selbst Krise und Zukunft zur Ware gemacht, genauso wie es Prof. B. J. Manhattan mit seinen Werbeunterbrechungen tut?

Diese Fragen – immerhin – machen mich am Ende des Theaterabends nachdenklich.

Laura (Leistungskurs Deutsch)